Meister Eder on my mind

„Wenn du a Mensch wärst, und koa Kobold, tat i sogn, lern draus, dass ma a Unrecht durch a anderes Unrecht ned besser, sondern allweil nur schlimmer macht.“
„Ich glaube, ich bin fast ein Mensch.“
„Warum?“
„Weil ich’s fast verstehe.“

Es war eine große Gnade, dass ich als Kind fiktive Dialoge zwischen Gandhi und Sokrates hören konnte.

Abbitte zum Jahresbeginn

Früher fand ich Michael Jackson nicht gut. Ging nicht. Den mochte jeder und ich konnte nicht einfach mögen, was jeder mochte. Öffentlich Michael Jackson gering zu schätzen brachte dagegen immer großen Distinktionsgewinn. Ich machte reichlich von dieser Möglichkeit Gebrauch. Hatte es wohl nötig.

Michael Jackson war das sicher egal. Den Leuten, die ihn mochten, allerdings nicht. Vor allem, wenn sie so vermessen waren, gleichzeitig auch mich ein bisschen zu mögen. Ich habe sie zwar nicht unbedingt vor die Wahl „Michael Jackson oder ich“ gestellt, aber meine Jackson-Schimpfkanonaden waren gewaltig. So gewaltig, dass man sie selbst als Großfan lieber stumm ertrug, als mir contra zu geben. Ich war der Schrecken aller Mädchenzimmer mit Bravo-Postern an den Dachschrägen. Viele Gastgeberinnen, die mich mich offenherzig auf ihre mit bunten Tüchern behängten Sofas eingeladen haben, habe ich sehr traurig gemacht. Meine schlimmste Untat war aber, dass ich auf einer Klassenfahrt die Michael-Jackson-Kassette, die dem Busfahrer zur Busbeschallung gereicht worden war, mopste und mit Hilfe eines ähnlich gesinnten Freundes stellenweise löschte und mit Jackson-Spott besprach.

Heute höre ich Michael Jackson. Nicht zufällig im Radio. Ich setze mich auf die Couch, wähle genau die Songs aus, die früher alle gut fanden, schließe die Augen und höre zu. Ich muss nachholen. Viel. Ich versuche mitzusingen. Oft genug kommen mir Tränen, weil er mich berührt und glücklich macht. Und zwischendrin denke ich an die erschreckend vielen Momente in meinem Leben in denen ich ein unfassbar großer Depp war. Und ich nehme mir vor, dass es künftig weniger werden. Quasi "Man in the Mirror", aber wem sage ich das.

In memoriam Uwe Heldt

Uwe Heldt ist am Dienstag den 5. August nach schwerer Krankheit verstorben. Er war mein Literaturagent, dem ich viel, wenn nicht sogar alles, zu verdanken habe, und gleichzeitig ein wunderbarer Freund. An den Gedanken, nun ohne ihn weitermachen zu müssen, kann ich mich nur sehr schwer gewöhnen.

"Wir tun es für Geld" im Fernsehen

Freitag den 27.6. läuft um 20:15 "Wir tun es für Geld" in der ARD. Wenn es euch gefällt, liegt es an der tollen Romanvorlage, die ich geschrieben habe. Wenn es euch nicht gefällt, liegt es am Drehbuch, das ich nicht geschrieben habe. Ist klar, ne? Außerdem hätten sie lieber mir die Hauptrolle geben sollen ...

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Was mit Glück

Ein Skitag in den Alpen. 16:00 Uhr. Die Lifte halten an. Etwas abseits der Bergstation steht die Hütte mit der Terrasse und dem Blick in Weite. Dort gehst du hin, um vor der langen Talabfahrt einen, nur einen, mehr wäre nicht klug, Glühwein zu trinken. Das Getränk, das nur hier und nur um diese Uhrzeit schmeckt.

Du bist lange nicht mehr hier gewesen. Der Anblick der Berge überwältigt dich, du saugst ihn gierig in dich auf. Während sich das Licht mit dem Sinken der Sonne verändert und das Farbspiel auf den Felsen, Wäldern und Schneefeldern nah und fern mit jeder Minute noch schöner wird, beginnst du dir die seltsame Frage zu stellen, womit du all das überhaupt verdient hast.

Die Frage spielt aber zum Glück keine Rolle, denn, hey, du sitzt jetzt einfach hier und es ist gut. Du grinst glückstrunken die Leute um dich herum an, sie grinsen zurück und du weißt, von diesen Momenten wirst du lange, lange zehren.

Und richtig, kaum bist du wieder zuhause, denkst du daran. Du holst die Bilder zurück vor deine Augen, die klare Luft, den köstlichen Glühwein. Und es könnte so schön sein, wäre da nicht dieses Lied. Dieses Lied, das du vor lauter Glück völlig überhört hattest, das aber, wie du nun feststellst, dennoch untrennbar mit deiner Erinnerung verbunden ist: "LIESCHEN, LIESCHEN, LIESCHEN, KOMM EIN BISSCHEN, BISSCHEN, BISSCHEN AUF DEN RASEN, DA KANNST DU BLASEN ..."


"Chantal, heul leiser!"

Ja, ich habe nun auch "Fack ju Göhte" gesehen. Der Film mit der Streber-Pädagogin, die die Problemklasse nicht in den Griff kriegt und dem Dumpfbacken-Macho-Kleingangster, dem – oh Wunder – genau das gelingt. Und am Ende kriegen sich die beiden.

Es hätte alles so fürchterlich schlecht sein können, aber nein – oh Wunder – ich habe stattdessen die vermutlich beste deutsche Filmkomödie seit 1970 gesehen. Ja, doch, ernsthaft.

Gut, was soll mit Darstellern wie Katja Riemann, Karoline Herfurth, Elyas M’Barek und Jana Pallaske schon schiefgehen, fragt man sich reflexartig um  sich im nächsten Moment doch nur wieder an die unzähligen Elendsfilme zu erinnern, in denen all ihr Talent effektlos verpuffte. Nein, Freunde, die großartige Leistung der Mimen in allen Ehren, aber dass "Fack ju Göhte" so überzeugt, liegt vor allem daran, dass Bora Dagtekin das Drehbuch geschrieben hat. Angesichts des sonstigen Elends im deutschen Komödienbusiness bin ich derzeit geneigt, ihn messiasgleich zu verehren.

Herr M. verordnet ein Literaturstudium

Herr M. war ein sagenhaft fauler Mathelehrer. Wir hatten ihn in der 6. Klasse. Kam oft vor, dass Herr M. zur Mathestunde unser Klassenzimmer betrat und einfach nur „Buch auf! Literaturstudium!“ brüllte. Dann setzte er sich ans Pult und begann Klassenarbeiten zu korrigieren. Dass er „Literaturstudium“ brüllte, lässt vielleicht erkennen, warum wir ihn, trotz seiner Faulheit und seinen zudem recht mäßigen didaktischen Fähigkeiten, mochten: Er hatte Humor. Einen ziemlich üblen sarkastischen Humor zwar, aber gleichzeitig genial.

Manchmal korrigierte er während unserer Mathestunde auch unsere eigenen Klassenarbeiten. Direkt vor unserer Nase. Er nahm sich ein Blatt vom Stapel, las genüsslich den Namen vor und begann mit der Fehlersuche. Die emsige Arbeit seines Rotstifts untermalte er mit einem ganzen Kompendium von übertrieben lauten Murmel-, Stöhn- und Seufzgeräuschen, begleitet von gelegentlichen lauten Ausrufen, die uns vor Schreck zusammenfahren ließen. Wir hatten natürlich schnell gelernt, dass sein Darbietungen überhaupt nichts mit der Qualität der jeweiligen Arbeit zu tun hatten, sondern dass er uns einfach nur hemmungslos verarschte.

Für den, dessen Arbeit gerade von Herrn M. korrigiert wurde, hielt sich der Spaß allerdings in Grenzen. Man machte gute Mine zum bösen Spiel, aber wenn er fertig war, sah man ihn unwillkürlich flehentlich an, um vielleicht doch noch einen ehrlichen Hinweis auf die zu erwartende Note zu erhaschen. Das waren immer Herrn M.s größten Momente. Er schaute zurück. Lange. Tiefer Frieden schien dabei in seinem Inneren zu wohnen. Dann schaute er ein letztes mal auf die Arbeit, nickte und fasste das Ergebnis mit einem Wort zusammen: „Durchwachsen“. Zu jedem. Egal ob Einsermusterschüler, Mittelfeldkämpfer oder versetzungsgefährdeter Oberverpeiler, egal ob Eins, Vier oder Sechs, alle Arbeiten waren „durchwachsen“.

Es ist bis heute eines meiner Lieblingsworte.