Herr M. verordnet ein Literaturstudium

Herr M. war ein sagenhaft fauler Mathelehrer. Wir hatten ihn in der 6. Klasse. Kam oft vor, dass Herr M. zur Mathestunde unser Klassenzimmer betrat und einfach nur „Buch auf! Literaturstudium!“ brüllte. Dann setzte er sich ans Pult und begann Klassenarbeiten zu korrigieren. Dass er „Literaturstudium“ brüllte, lässt vielleicht erkennen, warum wir ihn, trotz seiner Faulheit und seinen zudem recht mäßigen didaktischen Fähigkeiten, mochten: Er hatte Humor. Einen ziemlich üblen sarkastischen Humor zwar, aber gleichzeitig genial.

Manchmal korrigierte er während unserer Mathestunde auch unsere eigenen Klassenarbeiten. Direkt vor unserer Nase. Er nahm sich ein Blatt vom Stapel, las genüsslich den Namen vor und begann mit der Fehlersuche. Die emsige Arbeit seines Rotstifts untermalte er mit einem ganzen Kompendium von übertrieben lauten Murmel-, Stöhn- und Seufzgeräuschen, begleitet von gelegentlichen lauten Ausrufen, die uns vor Schreck zusammenfahren ließen. Wir hatten natürlich schnell gelernt, dass sein Darbietungen überhaupt nichts mit der Qualität der jeweiligen Arbeit zu tun hatten, sondern dass er uns einfach nur hemmungslos verarschte.

Für den, dessen Arbeit gerade von Herrn M. korrigiert wurde, hielt sich der Spaß allerdings in Grenzen. Man machte gute Mine zum bösen Spiel, aber wenn er fertig war, sah man ihn unwillkürlich flehentlich an, um vielleicht doch noch einen ehrlichen Hinweis auf die zu erwartende Note zu erhaschen. Das waren immer Herrn M.s größten Momente. Er schaute zurück. Lange. Tiefer Frieden schien dabei in seinem Inneren zu wohnen. Dann schaute er ein letztes mal auf die Arbeit, nickte und fasste das Ergebnis mit einem Wort zusammen: „Durchwachsen“. Zu jedem. Egal ob Einsermusterschüler, Mittelfeldkämpfer oder versetzungsgefährdeter Oberverpeiler, egal ob Eins, Vier oder Sechs, alle Arbeiten waren „durchwachsen“.

Es ist bis heute eines meiner Lieblingsworte.